• // Auf dem schwarzen Kontinent

Auf dem schwarzen Kontinent

Das äthiopische Hochland


Warum zum Teufel Äthiopien? ….

Diese Art von Frage bekam ich in den Tagen vor meiner Abreise wieder sehr oft zu hören. Eine Frage die ich, je nach Popularität meines nächsten Reiseziels, bereits von vergangenen Reisen sehr gut kenne. Warum ausgerechnet in den Iran, warum ausgerechnet nach Georgien, warum ausgerechnet ….

Nun ja, als ich vor vielen Jahren begann mit dem Fahrrad die Welt zu bereisen, stieß ich auf das Buch „Rad Ab“ von Peter Smolka. Ein Deutscher, welcher mit dem Fahrrad eine sehr beeindruckende Reise um die Erde unternommen hat. In diesem Buch erzählt Peter Smolka unteranderem auch sehr eindrucksvoll von diesen aus dem Felsen geschlagenen Kirchen in einem Dorf namens Lalibela im äthiopischen Hochland. Anscheinend ein sehr eindrucksvoller Ort und selbst nach heutigen Maßstäben ein Meisterwerk der Baukunst.

Außerdem war ich (bis auf mehrere Besuche in Marokko) noch nie in Afrika.

Daher empfand ich einen Trip nach Äthiopien als eine sehr interessante Herausforderung.

Etwas einfacher wurde es diesmal auch, weil ich nicht alleine unterwegs war.

Als ich an einem Donnerstagabend in einer Kneipe in Bochum-Gerthe bei ein paar Bierchen meinem Kollegen Shane von meinem Wunsch erzählte mal nach Äthiopien zu reisen und mir diese Kirchen in Lalibela anzuschauen, vergingen nur wenige Momente bis ich hörte „Äthiopien … Afrika? Klingt interessant. Wenn du nichts dagegen hast, würde ich wohl gerne mitkommen.“

Das ist doch cool! Vor diesem Trip hatte ich nämlich, verglichen mit meinen bisherigen Reisen, am meisten Respekt. Afrika hatte bei mir nämlich bis dato immer das Vorurteil sehr unberechenbar zu sein. Da ist es doch schon beruhigender jemanden an der Seite zu haben der einem auch mal etwas den Rücken freihalten kann, wenn es nötig wird.

In der darauffolgenden Woche wurden die Pläne immer konkreter. Ich begann mit der Recherche, wie man im Land am besten von A nach B kommt und was man sich, neben der Hauptattraktion Lalibela, noch so anschauen kann. Nachdem ich mir einen Überblick verschafft hatte und eine grobe Reiseroute feststand, buchten wir schließlich die Flüge. Als erstes ging es mit Ethiopian Airlines in der Nacht vom 08.01. auf den 09.01.2019 von Frankfurt nach Addis Abeba (Hauptstadt Äthiopiens). Dort blieben wir eine Nacht, um am 10.01.2019 in das eine Flugstunde weiter nördlich gelegene Gondar zu fliegen.

Eine sehr nette Sache ist, dass Ethiopian Airlines einem auf jeden weiteren Inlandsflug 50% Rabatt auf den Ticketpreis gibt, wenn man mit Ethiopian Airlines nach Äthiopien eingereist ist. Um diesen Rabatt zu bekommen, sollte man jedoch auf Verlangen das Einreise-Ticket vorzeigen können.

Somit kostete uns dieser einstündige Inlandsflug nach Gondar pro Person lediglich 50 US-Dollar inkl. Essen und Gepäck!

In Gondar blieben wir eine Nacht und schauten uns neben dem ein oder anderen Biergarten 🙂 auch noch eine historische Festungsanlage des damaligen Kaisers Fasilides an, welcher die Stadt Gondar um das Jahr 1636 gründete und später zur Hauptstadt machte. Eine Besichtigung des Biergartens der örtlichen Brauerei Dashen-Beer klappte leider nicht, da dieser, aufgrund von Bauarbeiten an der Zufahrtsstraße zur Brauerei, geschlossen hatte 🙁

Am 11.01.2019 ging es nach dem Frühstück per Local Bus drei Stunden über Land in das ca. 175 Kilometer entfernte Bahir Dar. Auf dieser Bustour bekamen wir zu spüren, dass es anscheinend sehr selten passierte, dass weiße Touristen den Local Bus nahmen. Wir ernteten sehr viele neugierige, aber teilweise auch schon etwas aufdringliche Blicke.

In Bahir Dar angekommen, buchten wir uns für drei Nächte in das recht komfortable, allerdings auch sehr oft von Stromausfällen geplagte Jacaranda Hotel ein und planten eine Bootstour auf dem Lake Tana und einen Trip zu den Tisissat-Wasserfällen am blauen Nil.

Am 12.01.2019 machten wir uns, nach einer fast einstündigen Suche eines funktionierenden Geldautomaten, auf den Weg zu unserer Bootstour auf dem Lake Tana. Zu sehen gab es zwei Inseln, auf denen die Einheimischen christliche „Klöster“ errichtet haben, ein paar „Happy Hippos“ in einer nahegelegenen Bucht und einen Fischer der aus seinem Papyrus-Kanu eine Pelikanfamilie mit Fischen fütterte.

Bis auf die zwei Inseln mit den „Klöstern / Kirchen“, welche uns nicht wirklich beeindruckten, war diese Tour ganz nett.

Nach dieser Tour besuchten wir das örtliche Ethiopian Airlines Büro, um unsere Weiterreise in das 40 Flugminuten entfernte Lalibela am 14.01.2019 zu buchen. Bei der Buchung durfte ich feststellen, dass meinem Kreditkartenunternehmen die zahlreichen Geldabhebungsversuche an diversen äthiopischen Geldautomaten an diesem Vormittag wohl nicht ganz geheuer waren. Als es um die Bezahlung der Flüge ging stellte sich nämlich heraus, dass meine Visa- und Mastercard gesperrt war. Wieder einmal eine Situation, in der ich das Vorhandensein einer dritten Kreditkarte schwer abgefeiert habe.

Unsere Tour zu den Tisissat-Wasserfällen am 13.01.2019 sollte erst um 15:00 Uhr starten. Daher hatten wir noch genug Zeit etwas mehr von Bahir Dar zu erkunden. Leider waren wir auch hier einmal wieder die Hauptattraktion. Man begrüßte uns lautstark mit „Hello Friend“, oder noch geiler mit „Hey, Mister Moneyman“ und folgte uns, trotz doch sehr energischen Versuchen des Abwimmelns, auf Schritt und Tritt bis zum Hotel. Leider eine Eigenart, die uns in den folgenden Tagen noch öfters die Nerven raubte.

Nachdem man uns um 15:00 Uhr an unserem Hotel für die Wasserfalltour eingesammelt hatte, ging es noch zu zwei oder drei weiteren Hotels, an denen weitere Tour Teilnehmer zustiegen. Der Minibus füllte sich kontinuierlich. Wenig später ging es aus Bahir Dar heraus. Die Häuser der Stadt wandelten sich zu Behausungen aus Holz, Lehm und Wellblech. Der Asphalt endete abrupt und die Straße wurde zu einer sehr staubigen Schotterpiste. Wir fuhren ca. 1,5 Stunden auf dieser Piste und kamen durch Dörfer, die einen ziemlich ärmlichen Eindruck hinterließen. Trotz dieser ärmlichen Anmutung der am Fenster vorbeiziehenden Behausungen, fehlte es jedoch nicht an Strom und Satelliten-Fernsehen.

Nachdem wir endlich den Zielort unserer Fahrt erreicht hatten, ging es zum Bezahlen der Tickets zum Ticketschalter … eine kleine schäbige Hütte am Ende des Dorfes, aus dem eine Frau in einem Fenster die im Vorgarten wartenden Touristen mit „Eintrittskarten“ versorgte.

Auch hier war das ganze Dorf schwer geschäftstüchtig und umschwärmte den Bus voller zahlungskräftiger Touristen, wie die Fliegen einen Scheißhaufen. Erst der zugestiegene Tourguide konnte die Meute bändigen und veranlasste die Weiterfahrt zu einer wenige Meter entfernten Bootsanlegestelle an einem Seitenarm des blauen Nil. Von hier ging es mit einem kleinen Boot hinüber auf die andere Seite. Dort angekommen waren es noch ca. 20 Minuten zu Fuß zu den so angepriesenen Wasserfällen.

Der Weg führte durch eine landschaftlich sehr reizvolle Gegend. Die Sonne stand bereits sehr tief und taucht die Gegend in ein sehr schönes warmes Licht.

Aber auch auf dieser Seite des Flusses versucht man sich sehr energisch im Verkauf von Souvenirs. Anscheinend mochten die hier ansässigen „Verkäuferinnen“ meinen Kollegen Shane etwas lieber als mich. Währenddessen er quasi durchgehend von kleinen afrikanischen Verkäuferinnen umschwärmt wurde, durfte ich fast ungestört meinem fotografischen Hobby nachgehen. Wieder einer dieser Vorteile, wenn man nicht alleine unterwegs ist.

Der Wasserfall führte, aufgrund der aktuell vorherrschenden Trockenzeit, leider nur sehr wenig Wasser. Alles in allem aber auch in der Trockenzeit ein sehr schöner Anblick.

Auf der Rückfahrt war es bereits dunkel. Die auf der Hinfahrt sehr holperige Piste wurde im Dunkeln noch anspruchsvoller. Aus der Dunkelheit tauchten immer wieder unerwartet Menschen auf der Piste auf, die, unteranderem auch wegen ihrer Hautfarbe, sehr schwer zu erkennen waren.

In den Vororten von Bahir Dar gab es schließlich nochmal eine ziemliche Schrecksekunde. Aus voller Fahrt legte unser Fahrer plötzlich eine 1A Vollbremsung auf die Schotterpiste, knallte den Rückwärtsgang rein, fuhr mit Vollgas und ohne Rücksicht auf die hinter ihm am Straßenrand befindlichen Fußgänger ca. 150 Meter zurück und stellte das Fahrzeug kommentarlos mit ausgeschalteten Scheinwerfern in einer dunklen Einfahrt ab. Alle guckten sich ratlos an.

Der Fahrer verließ das Fahrzeug in Richtung Straße. Weil keiner so recht wusste was passiert war, verließen einige Passagiere ebenfalls das Fahrzeug, um zu schauen was los war. Wenige Minuten später riet uns ein Einheimischer im Fahrzeug zu bleiben, weil es vorne an der Straße wohl eine ziemlich heftige Auseinandersetzung geben würde, bei der unteranderem auch Steine geworfen würden. Ferner befürchtete er, dass diese Wut sich auch gegen uns und unsere Anwesenheit richten könnte. Diese Warnung ließen wir uns nicht zweimal sagen, sprangen alle wieder ins Auto und verhielten uns ruhig. Wenige Minuten später kehrte auch unser Fahrer zurück und fuhr langsam, aber weiterhin mit ausgeschalteten Scheinwerfern, aus der Einfahrt heraus. Als er die Stelle erreichte, an dem zuvor wohl noch die Steine flogen, gab er ordentlich Gas um uns außer Gefahr zu bringen. Nach dieser etwas brenzligen Situation kamen wir schließlich gegen 20:30 Uhr wieder in unserem Hotel an. Ein sehr spannender Ausflug 🙂

Am Morgen des 14.01.2019 verließen wir Bahir Dar bereits recht früh, um unseren Flug nach Lalibela zu erreichen.

Lalibela ist sehr überschaubar. Ein kleines Dorf im äthiopischen Hochland, welches durch seine Felsenkirchen große Berühmtheit erlangt hat und wohl auch deshalb das touristische Highlight im nördlichen Äthiopien ist.

Unsere Unterkunft für die kommenden zwei Nächte bietet eine grandiose Aussicht auf die umliegenden Täler unterhalb von Lalibela. Die Sonnenuntergänge in dieser Gegend sind atemberaubend schön.

Da wir am 14.01.2019 bereits mittags in Lalibela ankamen, machten wir uns schon am Nachmittag auf, um die westliche Gruppe der Felsenkirchen zu besichtigen. Eine gute Entscheidung, da das ganze Areal schon recht weitläufig ist.

Zu sehen gab es an diesem Nachmittag ein weit verzweigtes Netz aus Gräben, welches uns nach und nach halb unterirdisch von einer Kirche zur nächsten brachte. Kaum zu glauben, dass diese Kirchen um das Jahr 1250 nur alleine durch Menschenhand in einem Arbeitsschritt von der Oberfläche hinab in die Tiefe des Felsens geschlagen wurden. Sehr krass!

Das wohl am besten gelungenste Kirchenbauwerk kam, mit der Kirche Bet Giyorgis, zum Schluss dieses Rundgangs. Läuft man den Berg hinunter in Richtung Bet Giyorgis, sieht man als erstes ein in den Stein gearbeitetes quadratisches Kreuz, welches sich nicht von der Topographie des umliegenden Felsens abhebt und somit quasi eine Ebene mit dieser Felsoberfläche bildet.

Je näher man kommt erkennt man, dass dieses Kreuz das Dach des Bauwerks bildet und dieses Gebäude durch einen umliegenden Graben aus dem Stein gearbeitet wurde. Auch dieses Bauwerk ist zu damaliger Zeit (ca. 1250 nach Christus) aus einem Block entstanden. An diesen Bauwerken wurde nichts gemauert!!! Crazy!

Aus fotografischer Sicht hat die Bet Giyorgis auch noch eine ganz besondere Ästhetik, da dieses Bauwerk, aufgrund des härteren und nicht so schnell verwitternden Felsgesteins, kein unschönes Schutzdach benötigt. Diese Schutzdächer bei den anderen Kirchenbauten sind aus optischen Gesichtspunkten nämlich ziemlich hässlich.

Am zweiten Tag schauten wir uns die etwas abseits gelegenen Kirchen der östlichen Gruppe an. Auch recht interessant, aber die oben beschriebene Kirche Bet Giyorgis ist meiner Meinung das Highlight dieser Baukunst.

Für ein Sundowner Bierchen ging es nach dieser Besichtigungstour noch zu einem weiteren, jedoch deutlich jüngeren architektonischen Highlight von Lalibela. Das Restaurant hieß Ben Abeba und bot, neben der sehr außergewöhnlichen Architektur, abermals einen wunderschönen Blick über die umliegenden Täler und Hügel rund um Lalibela.

Am darauffolgenden Tag (16.01.2019) sollte dieser kurze Ausflug auf den schwarzen Kontinent auch bereits ein Ende finden. Mittags flogen wir zurück nach Addis Abeba und am späten Abend ging es zurück nach Frankfurt. Um die Zeit zwischen den beiden Flügen nicht langweilig am Flughafen abzuhängen, entschlossen wir uns noch zu Fuß in die direkt hinter dem Flughafen beginnende Innenstadt von Addis Abeba zu gehen und etwas zu essen.

Wie sich später herausstellte, war dies für Shane eine sehr teure Entscheidung. Leider gerieten wir auf dem Rückweg zum Flughafen an die falschen Leute. Diese bedrängten uns und klauten in einem unachtsamen Moment Shanes IPhone aus seiner Hosentasche. Als er bemerkte das da etwas fehlte, waren diese Arschlöcher bereits über alle Berge.

Die restliche Zeit bis zu unserem Abflug nach Deutschland war nun zumindest für Shane nicht mehr so langweilig. Dieser hatte nun alle Hände voll zutun sämtliche notwendigen Maßnahmen in die Wege zu leiten, damit die auf dem IPhone vorhandenen Daten nicht in falsche Hände gelangten.

Alles in allem war dieser erste „richtige“ Besuch auf dem schwarzen Kontinent eine sehr anstrengende und nervenraubende Erfahrung. Viele Dinge waren für die Logik meines Denkens nicht nachvollziehbar und man braucht sehr viel Zeit und Geduld um bei vielen Dingen das gewünschte Ergebnis zu bekommen. Andererseits freut es mich, die Felsenkirchen von Lalibela mal persönlich gesehen zu haben.